Autor T.C. Boyle

 In T.C. Boyles Kurzgeschichte „Schlaf am Steuer“ entfaltet sich eine faszinierende Erzählung über Technologie und Menschlichkeit. Cindy, eine Anwältin, wird von ihrem autonom fahrenden Auto, Carly, zur Kanzlei gefahren. Währenddessen denkt sie über ihre Klienten und die Herausforderungen Obdachloser nach. Parallel verfolgt sie den Jugendlichen Jackie, der sich mit Freunden in gefährliche Situationen begibt, unter anderem beim Diebstahl autonomer Fahrzeuge. Die Erzählung thematisiert den Konflikt zwischen technologischen Fortschritten und menschlichen Verbindungen, während Beziehungen zwischen den Charakteren aufgemischt werden. Stilistisch werden soziale, moralische und ethische Fragestellungen ausgearbeitet, die zur Reflexion anregen.

DIE HANDTASCHE

Der Wagen sagt zu ihr: »Cindy, ich weiß, dass du um 14 Uhr zu deiner Besprechung mit Rose Taylor von der Kanzlei Taylor, Levine & Rodriguez in der Hollister Avenue 1133 sein musst, aber hast du gehört, dass Les Bourses um 30 Prozent reduziert hat? Und du weißt ja, die haben die ganze Picard-Produktlinie, die dir so gefällt – ich denke da besonders an diese süße fuchsienrote Umhängetasche, auf die du vergangene Woche ein Auge geworfen hast. Sie haben noch zwei davon auf Lager.«

Sie fahren ein kleines bisschen schneller als erlaubt. So hat sie den Wagen programmiert, um keine Minute zu verschwenden, aber nicht zu sehr gegen das Gesetz zu verstoßen. Sie wirft einen Blick auf ihr Handy.

Es ist Viertel nach eins, und eigentlich wollte sie nirgends halten, außer vielleicht, um ein Sandwich zu kaufen, das sie dann unterwegs essen könnte, aber sobald Carly (so nennt sie das Betriebssystem) den Ausverkauf erwähnt, sieht sie vor ihrem geistigen Auge die Transaktion: rein, kaufen und gleich wieder raus, denn sie hat sich die Tasche schon vor ein paar Tagen angesehen, fand aber, dass sie zu teuer war. Rein und wieder raus. Und Carly wird vor dem Geschäft auf sie warten.

  • „Du siehst auf dein Handy.«
  • „Ich frage mich, ob wir genug Zeit dafür haben.«
  • „Solange du nicht trödelst … aber du weißt ja, was du willst, oder?

Du hast sie dir schon ausgesucht. Das hast du mir selbst gesagt.« (Hier spielt Carly ein Stück der Unterhaltung vor, die sie vergangene Woche gehabt haben, und Cindy hört sich sagen: »Oh, ich liebe diese Tasche – und sie würde perfekt zu den neuen Schuhen passen.«)

»Okay«, sagt sie und beschließt, das Sandwich auszulassen. »Aber es muss schnell gehen.«

  • „Mir liegen keine Meldungen über Verkehrsstörungen vor.«
  • „Gut, sagt sie, »gut, lehnt sich zurück und schließt die Augen.

  • PER ANHALTER

Die Fleet Cars stehen jedem zur Verfügung, rund um die Uhr, und man braucht noch nicht mal einen Account bei Ridz zu haben. Die Sache ist nur: So ein Wagen bringt einen nicht auf dem kürzesten Weg zu Warrens Haus oder zum Skatepark oder zu dem Ziel, das man ihm sagt, denn er ist programmiert, einen erst mal zum Apple Store oder zu GameStop oder irgendeinem anderen Geschäft zu fahren, wo man mal Geld ausgegeben hat. Also sind die Dinger eigentlich gar nicht umsonst: Man muss zusätzliche Zeit einplanen und sich das ganze Gequatsche anhören und ungefähr sechzigmal nein sagen, bis man endlich da ist, wo man hinwill.

Manche – und seine Mutter würde ihn umbringen, wenn sie wüsste, dass er einer davon ist – treten einem gerade vorbeikommenden leeren Wagen einfach in den Weg und requirieren ihn. Ohne Code kann man die Tür natürlich nicht öffnen, aber man kann aufs Dach klettern, sich am Lidar-Modul festhalten und beim nächsten oder übernächsten Halt absteigen.

Das ist genau das, was Jackie an diesem Schultag um halb zwei tut – er liegt auf dem Dach eines autonom fahrenden Ridz-Volvos, und an seinen Zähnen bleiben Insekten kleben -, als auf der Spur neben ihm plötzlich der Wagen seiner Mutter auftaucht und er einen Mordsschreck kriegt. Sein erster Impuls ist, auf der rechten Seite abzuspringen, aber der Wagen hat bestimmt sechzig Sachen drauf – bei dem Fahrtwind könnte man meinen, es sind hundertsechzig -, und so drückt er sich noch tiefer auf das Dach, als könnte er sich dadurch unsichtbar machen. Bis eben war der Plan gewesen, zu Warren zu fahren und ein bisschen abzuhängen, sonst nichts, auch wenn er sich irgendwo in der Zukunft ein paar Dosen Bier vorstellen konnte und vielleicht eine weitere Ridz-Fahrt zum Strand mit Warren und seiner Freundin Cyrill, doch jetzt fährt der Wagen seiner Mutter neben ihm, und darum wird wohl nichts daraus werden. Sie wird ihm Hausarrest verpassen, sein Taschengeld streichen, es vielleicht seinem Vater sagen (der in Oregon, wo er mit Jennifer lebt und von wo er nicht zurückkommt, nicht viel mehr tun wird, als irgendwas ins Telefon zu knurren), und dann kommt die ganze übliche Nummer:

Sie wird sein Handy und sämtliche Spiele einkassieren, für eine Woche oder wie lange auch immer ihrer Meinung nach nötig ist, damit er kapiert, wie unheimlich gefährlich so was ist.

Alles Scheiße. Aber während ihr Wagen langsam vorbeizieht, merkt er, dass seine Mutter keineswegs aus dem Fenster sieht und ihn auf frischer Tat ertappt. Sie ist nicht mal wach. Sie hat den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen, und Carly erledigt das Fahren für sie.

Er denkt nicht, dass er noch mal Schwein gehabt hat oder dass heute sein Glückstag ist oder so – er nimmt es einfach als gegeben hin. An der nächsten Ampel lässt er sich vom Wagen gleiten und kehrt der Straße, den Wagen und ihr den Rücken.

 

KNIGHTSCOPE

Der Grund für den Termin bei Rose Taylor ist die anwaltliche Vertretung eines Wohnungslosen namens Keystone Bacharach, der die Tage mit anderen Freigeistern und Pechvögeln auf der Treppe vor der städtischen Bibliothek verbringt und nachts unter einem Busch vor dem Tierheim schläft, wo er ein bisschen für sich sein kann. Im Gegensatz zu Cindy, die sich für solche Menschen einsetzt, ist den meisten überhaupt nicht klar, wie zermürbend es ist, auf der Straße zu leben, wo man von morgens bis abends unter Beobachtung steht. Jede Geste, wie intim sie auch sei, ist öffentlich und darf von jedem interpretiert, abgetan oder verurteilt werden, und die einzige Zuflucht, die einem bleibt, ist der Schutz der Dunkelheit, wo einen keiner sieht. Und da gibt es ein Problem: Der Tierschutzverein setzt, als fehlgeleitete Reaktion auf eine Reihe von Einbrüchen, Graffiti-Schmierereien und umgeworfenen Mülltonnen, in denen Junkies nach Spritzen und Beruhigungsmitteln gesucht haben, zur Überwachung des Tierheims eine von Knightscopes autonomen Datenma-schinen ein, was bedeutet, dass Mr Bacharach die ganze Nacht hindurch alle dreißig Minuten von einem eins fünfzig großen und hundertachtzig Kilo schweren Roboter geweckt wird, der ihn mit einem Scheinwerfer anleuchtet, ein unheimliches hohes Fiepen von sich gibt und dann in denkbar neutralem Ton fragt: »Was ist hier los?« (Worauf Mr Bacharach jedes Mal verärgert erwidert: »Man nennt es schlafen.«)

Vor einer Woche war sie abends dort, um sich selbst ein Bild zu machen, auch wenn ihre Schwester sie verrückt nannte (»Das ist ja geradezu eine Einladung zur Vergewaltigung – oder was Schlimmerem«) und selbst Carly sie beim Aussteigen fragte: »Bist du sicher, dass das die richtige Adresse ist?« Aber sie kannten Keystone eben nicht so, wie sie ihn kannte. Er war nur innerlich verletzt und versuchte zu verarbeiten, was er in seiner Dienstzeit in Afghanistan gesehen hatte, und wenn er in dieser zunehmend digitalisierten Gesellschaft nicht zurechtkam, dann war das die Schuld der Gesellschaft. Er war ein einnehmender Mensch, ein gewandter Gesprächspartner, auf vielen Gebieten zu Hause, von Tierschutz über Weinherstellung bis hin zur Geschichte der Kriegführung (Lichtjahre entfernt von Adam, ihrem Ex, der gegen Ende ihrer Ehe nur noch mittels Gesten und Grunzen kommuniziert hatte), und er war so belesen wie nur irgendeiner, den sie kannte. Außerdem war er genauso alt wie sie.

 

Er erwartete sie vor dem Tierheim, wie immer in Shorts, Flipflops, T-Shirt und Jeansjacke, das lange Haar zu einem Pferdeschwanz gebun-den. »Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte er und nahm die Geschenk-tüte, die sie ihm überreichte (Studentenfutter, getrocknete Aprikosen, ein Paar Socken, eine Tube Zahnpasta), kommentarlos entgegen. »)etzt werden Sie was erleben, denn wie man’s auch betrachtet, es ist schlicht und ergreifend Schikane, Von Bürgern. In der Öffentlichkeit. Ich bin nicht der Einzige.«

Sie sah jetzt, dass noch ein halbes Dutzend andere Gestalten da waren, ausgestreckt auf dem Bürgersteig oder an die Mauer gelehnt, umgeben von ihren Einkaufswagen und sonstigen Habseligkeiten. Es warbeinahe dunkel, aber mindestens eine Gestalt kam Cindy bekannt vor:

Lula, eine Frau, die alle Knitsy nannten, weil ihre Hände in ständiger Bewegung waren, als würde sie vergeblich versuchen, Luft zu stricken. Auf der Straße war es still, und diese Stille schien das Jaulen und Bellen und die unvermittelten Schmerzensschreie aus dem Tierheim hinter ihnen zu verstärken, und wenn das irgendwie unheimlich war, so hatte es nichts mit diesen Menschen zu tun, sondern mit den Kräften, denen sie ausgesetzt waren. Sie sagte: »Kommt er bald?«

Keystone wies mit dem Kinn auf den Parkplatz am anderen Ende des Gebäudes. »Er ist vor fünfzehn, zwanzig Minuten da rübergefahren, also wird er wohl jeden Moment aufkreuzen.« Er sah sie wütend an. »Pünktlich wie ein Uhrwerk«, sagte er und rief: »Stimmt’s, Knitsy?«, und Knitsy sagte »Ja«, auch wenn nicht ganz klar war, ob sie wusste, worum es ging Es wurde noch etwas dunkler. Dann begann einer der Hunde in den Tiefen des Gebäudes zu heulen, und da bog der Knightscope Ks+ um die Ecke und fuhr auf seinen kleinen Rädern auf sie zu. Cindy hatte diese Maschinen schon öfter gesehen – in der Bank, auf dem Parkplatz hinter der Pizzeria und, in Formation rollend, bei der Parade am 4. Juli -, aber sie waren ihr nicht weiter bemerkenswert erschienen, nicht bedrohlicher oder störender als irgendwelche anderen Maschinen, die einem Arbeit abnahmen, nur größer, viel größer. Aber das war bei Tageslicht gewesen, und jetzt war es dunkel, und dieser Roboter hatte seine Lichter einge-schaltet, zwei unheimlich wirkende blaue Schlitze am oberen Ende und in Höhe der Taille, wenn er eine Taille gehabt hätte, dazu sieben leuchtende Sensoren, die auf der Brust verteilt waren, sofern man das als Brust bezeichnen konnte. Er sah aus wie ein riesiges hartgekochtes Ei – im hellen Licht des Tages ein ganz gewöhnlicher, ja komischer Anblick, doch die Beleuchtung änderte alles.

  • „Und jetzt? Er wird uns doch in Ruhe lassen, oder?«
  • „Werden Sie gleich sehen«, sagte Keystone.

Der Ks+, das hatte sie nachgelesen, verfügte über die gleiche Lidar-technik wie Carly – Laserstrahlen, die unablässig die Umgebung scannten – sowie über Wärmesensoren, ein Mikrofon und eine hochauflösende 360-Grad-Kamera. Er bewegte sich in Schrittgeschwindigkeit, nicht schneller als fünf Kilometer pro Stunde, und seine Aufgabe war Überwa-chung, nicht unmittelbarer Zwang. Das alles wusste sie, aber um diese Zeit und an diesem Ort fühlte sie sich ertappt, als hätte sie etwas Verbotenes getan, was vermutlich ja auch der Zweck dieses Apparates war.

Jetzt hielt der Roboter an, drehte auf der Stelle und wandte sich Knitsy zu, deren Hände im plötzlich helleren Licht seiner Scheinwerfer wie bleiche Luftschlangen flatterten. » Was ist hier los?«, fragte er.

»Geh weg«, sagte Knitsy. »Lass mich in Ruhe.«

Der Ks+ rührte sich nicht. Er war programmiert, sich nicht auf Gespräche einzulassen, wie Carly es tat, denn seine Entwickler wollten Konfrontationen vermeiden. Der Roboter sollte durch seine bloße Anwesenheit kriminelle Aktivitäten verhindern und wenn nötig die Polizei benachrichtigen. Jetzt sagte er: »Gehen Sie weiter.«

»He, Blechdose«, rief Keystone und schwenkte die Arme, »hier drüben.«

Sie sah, wie der Roboter herumfuhr und auf sie beide zukam. Vor Keystone und ihr blieb er stehen und richtete den Scheinwerfer auf sie.

»Was ist hier los?«, fragte er mit der Stimme eines der beliebtesten Fernsehmoderatoren, einer Stimme, die beruhigend wirken sollte. Doch Cindy war keineswegs beruhigt – ganz im Gegenteil -, und das war ein echtes Aha-Elebnis.

Was dann geschah, war unvermittelt und gewalttätig. Keystone schien plötzlich durchzudrehen – und vielleicht wollte er sich für sie ins Zeug legen, vielleicht dachte er auf irgendeine verdrehte Art, er müsste sie beschützen -, denn er nahm die Schulter runter wie ein Linebacker und warf sich einmal, zweimal, dreimal gegen den Roboter, bis dieser schliels-lich umfiel. Metall kreischte, Glas splitterte. Das war schlimm genug – Vandalismus, dachte sie, und auch ihr Gesicht war auf dem Video -, doch dann schien er all seine aufgestaute Wut an dem Ding auszulassen und drosch mit einem Ziegelstein, den er unter einem Busch bereitgelegt hatte, darauf ein, bis eine Hupe ertönte, so laut und durchdringend, dass sie dachte, ihr würde das Herz stehenbleiben.

Und da, gerade als sie dachte, dass sie beide nun festgenommen werden würden, hielt Carly am Straßenrand. Die Tür schwang auf. »Steig ein«, sagte Carly.

 

DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN

Es war eigentlich ein Meme, das sie auf die Idee brachte, ein Clip mit einer Szene aus einem alten Film, in der es um eine Mutprobe ging, und der Schmalzlockentyp, der nicht James Dean war, blieb mit der Schnalle am Ärmel seiner Lederjacke am Türgriff hängen, und das wiederholte sich in einer Endlosschleife, bis es nur noch lächerlich war. Das machte sie neugierig auf den Film; sie gruben tiefer, und es war eine Offenbarung: Da waren Teenager, die Wagen klauten und damit durch die Straßen rasten, und weit und breit keiner, der ihnen sagte, das dürften sie nicht. Und das Beste war: Weil es ein so alter Film war, machten die Wagen, was man wollte. Man brauchte bloß einen Schlüssel ins Zündschloss zu stecken (oder das Ding kurzzuschließen), Gas zu geben und mit quietschenden Reifen loszubrettern. Er musste den Film (oder Teile davon) mindestens zwanzigmal mit Warren und Cyrilla gesehen haben, und wenn Warren James Dean und Cyrilla Natalie Wood war, dann war er wohl Sal Mineo, obwohl er das eigentlich nicht wollte.

»Besser als der Typ, der über die Klippe geht, oder?«, sagt Warren und zeigt mit der Bierdose auf den Bildschirm, worauf Cyrilla ein Lachen ausstößt, das eigentlich mehr wie ein Kreischen klingt – eine ihrer nervigen Angewohnheiten -, aber das ist schon in Ordnung, denn es macht ihm nichts aus, eine Nebenrolle zu spielen. Warren ist fast ein Jahr älter als er, und er selbst hat keine Freundin, und mit Cyrilla abzuhängen und zu sehen, wie sie so ist – wie Mädchen, aus der Nähe betrachtet, so sind -, ist etwas, das er in jeder Hinsicht, die ihm einfällt, richtig gut findet.

Jetzt kommt die Stelle, wo Natalie Wood mit vor Aufregung glänzenden Augen die Arme schwenkt und alle zurücktreten und die beidenWagen davonjagen in die Nacht, und Warren, der auf dem Sofa neben Cyrilla sitzt und den Arm um ihre Schultern und die Hand beiläufig auf ihre linke Brust gelegt hat, sagt: »Ich hab eine Idee.«

Warren grinst, und darum grinst er ebenfalls. »Was denn?«, sagt er.

»Wir machen auch so eine Mutprobe. Ich meine, wir stellen die Szene nach. In der Wirklichkeit.«

Er lacht. Das muss ein Witz sein. Richtige Wagen, mit denen man machen kann, was man will, sind inzwischen so ziemlich ausgestorben, es gibt sie nur noch auf Rennstrecken oder Privatgrundstücken in der Wüste, wo irgendwelche Nostalgiker und alten Knacker gegen Bezahlung ihre Analogwagen unterstellen und an Wochenenden damit herumfahren können, aber er hat so was noch nie gesehen außer online, und vielleicht ist das auch bloß irgendeine Geschichte. »Wovon redest du?«, sagt er. » Willst du einen Fleet Car klauen?«

»Nein«, sagt Warren und sieht ihn an. »Ich will zwei klauen.«

 

RISIKOABWÄGUNG

Sie fährt zur Bibliothek, um Keystone abzuholen und ihn zu Rose Taylors Kanzlei zu bringen, damit sie eine Anzeige wegen öffentlichen Aergernisses gegen den Tierschutzverein aufsetzen können, als Carly sagt:

  • „Ich will dich nicht beunruhigen, aber die Haussensoren melden, dass Jackie noch nicht aus der Schule zurück ist, und auf seinem heutigen Lerminplan stehen keine weiteren Aktivitäten, also frage ich mich …« Cindy ist abgelenkt, sie denkt an Keystone und daran, dass er sie neulich Abend auf der Straße beschützt hat oder jedenfalls geglaubt hat, er müsse sie beschützen, was auf dasselbe hinausläuft. »Keine Sorge. Er ist ein großer Junge. Er kann auf sich aufpassen.«

„Ja, das stimmt, aber ich muss immer an letzte Woche denken, als er erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen ist und keine andere Erklärung dafür hatte als (und hier spielt sie die Aufnahme des Hausmonitors ab): ›Ich war bei Warren, okay? Und seine Mom hat uns was zu essen gemacht, okay? Und darum hab ich keinen Hunger, also fang gar nicht erst damit an.««

  • „Hör zu, Carly, ich will im Augenblick nichts davon hören, okay? Ich versuche mich gerade darauf zu konzentrieren, Keystone zu Rose Taylor zu bringen, damit er die Vollmacht unterschreibt, und dann muss ich, wie du sicher weißt, um fünf zu dieser Besprechung im Büro sein, und danach ist diese Benefizveranstaltung …«
  • „Tut mir leid, ich dachte nur, ich sollte es dir sagen.« Sie starrt zum Seitenfenster hinaus, sieht die Straßenlaternen vorbei-zischen und stellt sich Keystone vor, wie er sich von den Granitstufen vor der Bibliothek hochstemmt und über den Bürgersteig auf sie zukommt, mit diesem Lächeln, das nur für sie bestimmt ist. Sie ist neugierig, was er wohl anhaben wird. »Ich kann mich ganz gut rausputzen«, hat er gesagt und versprochen, für den Termin in der Kanzlei eine lange Hose und ein richtiges Hemd anzuziehen – nicht dass das wirklich von Bedeutung wäre, sie hat ihn nur nie in irgendwas anderem gesehen als dem, was er als seine »Straßenkampfmontur« bezeichnet. Die Laternenmasten stehen in regelmäßigen Abständen, wie Streckenmarkierungen, und Cindy stellt fest, dass die Intervalle kürzer werden. Sie wendet sich nach vorn, sieht auf die Straße und sagt: »Ich glaube, du fährst ein bisschen zu schnell, Carly.«

Sofort wird der Wagen langsamer. »Knapp siebzig in einer Fünfziger-Zone, aber mir liegen keine Hinweise auf Radarfallen oder Polizeistreifen vor, und da wir schon sechs Minuten und sechzehn Sekunden Verspätung haben, dachte ich …«

Cindy ist plötzlich wütend. Es ist nicht Carlys Schuld, dass sie zu spät dran sind, das weiß sie, aber die Bemerkung über Jackie hat sie geärgert.

  • „Das habe ich dir nicht erlaubt«, fährt sie Carly an. »Du solltest es besser wissen. Ich meine, wozu hast du ein Programm, wenn du dich nicht daran hältst?«
  • „Es tut mir leid, Cindy, ich dachte nur -«
  • „Du sollst nicht denken, sondern fahren.«

Aber Carly hat natürlich recht, und wenn sie sich tatsächlich um zehn

 

Minuten verspäten, ist es einzig und allein Cindys Schuld. »Okay, tut mir leid, Carly – das hast du eigentlich gut gemacht«, sagt sie und ist sich undeutlich bewusst, wie lächerlich es ist, einen Computer zu beschwichtigen oder sich Gedanken darüber zu machen, man könnte seine Gefühle verletzt haben.

»Da wir zur Bibliothek fahren«, sagt Carly, »willst du heute ein paar Bücher mitnehmen? Sie haben nämlich drei Exemplare des neuesten Bandes der Carson-Umquist-Serie, die du so magst, sie stehen in dem Regal mit den Neuerscheinungen, keine fünf Meter hinter dem Eingang.

Wenn es das ist, was du willst. Oder liege ich da ganz falsch?«

  • „Halt hier an«, sagt sie, und da ist Keystone in braunen Dockers und einem smaragdgrünen langärmeligen, mit feuerspeienden Drachen bestickten Hemd. Er sieht … anders aus, und wenn sie überrascht ist von den Drachen, die, wie sie annimmt, nicht ganz das sind, was Rose Taylor gefällt, so bemüht sie sich, es zu verbergen. Sie lächelt, als er zum Wagen kommt, und er lächelt ebenfalls und legt die Hand an den Türgriff … doch die Tür scheint verriegelt zu sein. Cindy versucht, sie zu öffnen.
  • „Carly«, sagt sie und wendet sich von seinem Gesicht im Fenster ab, als wäre Carly eine Person auf dem Fahrersitz, wo natürlich niemand ist.
  • „Carly, ist die Kindersicherung eingeschaltet?«
  • „Es tut mir leid«, sagt Carly, »aber diese Person ist nicht vertrauens-würdig. Erinnerst du dich nicht, was am Dienstagabend um 21 Uhr 19

               vor dem Tierheim im Haverford Drive 83622 passiert ist?«

  • „Carly«, sagt sie, »mach die Tür auf.«
  • „Ich halte das für unklug.«
  • „Weißt du was? Das ist mir scheißegal. Hast du mich gehört? Ob du mich gehört hast?«

 

DIE LETZTE FAHRT IHRES VATERS

Er war damals Mitte siebzig und zeit seines Lebens nie das gewesen, was man einen guten Fahrer genannt hätte: zu steif, zu langsam in seinen Reaktionen, verwirrt von den vielen Verkehrsregeln und immer bemüht, mit nichts als Herdeninstinkt über die Runden zu kommen. Kompliziert wurde die Sache durch seine Arthritis. Er entwickelte eine Abhängigkeit von den Schmerzmitteln, die der Arzt ihm verschrieb, was seinem Reaktionsvermögen und seinen Reflexen gelinde gesagt nicht guttat. Er war eine Katastrophe, die nur darauf wartete zu passieren, und Cindy und ihre Schwester Jan lagen ihm in den Ohren, er solle sich nicht mehr ans Steuer setzen, aber er wollte nichts davon hören. »Ich kenne König Lear«, sagte er. »Meine Unabhängigkeit gebe ich nicht auf.«

Eines Morgens, als ihr Wagen in der Werkstatt war (das war vor der Einführung der autonomen Fahrzeuge, als die meisten Leute, unter anderem sie, noch auf althergebrachte Weise unterwegs waren), bat sie ihn, sie zur Arbeit zu bringen. Er kam eine halbe Stunde zu spät, und als sie dann endlich auf der Schnellstraße waren, fuhr er seinen tausendmal ausgebesserten Pick-up, als hätten sich die Räder in Betonscheiben ver-wandelt, und schlingerte ständig hin und her und manchmal auch aus der Spur, alles in einem derart enervierend langsamen Tempo, dass sie sicher war, es würde ihnen gleich jemand auffahren. Im Büro angekom-men, war sie mit den Nerven so am Ende, dass sie nicht wagte, an ihrem Café Grande auch nur zu nippen, geschweige denn, ihn zu trinken.

Abends nahm sie einen Uber, obwohl sie als frisch geschiedene Mutter eines Zweijährigen auf ihre Ausgaben achten musste. Das Ganze war kein Spaß. Sobald sie zu Hause war, rief sie Jan an.

»Wir müssen was unternehmen«, sagte sie, »sonst bringt er sich noch um – und nimmt dabei ein paar andere mit. Glaub mit, es ist ein Alptraum. Bist du in letzter Zeit mal mit ihm gefahren? Du kannst es dir nicht vorstellen.«

Jan schwieg einen Moment. Dann sagte sie: »Was ist mit dem Kühlschrank, den du transportieren musst?«

  • Was für ein Kühlschrank? Wovon redest du?« Ihre Schwester wartete, bis sie es kapiert hatte.
  • Können wir ihm das antun? Er wird nie mehr mit uns reden, das ist dir klar, oder?« Sie versuchte, sich die Folgen vorzustellen – seinen Groll, sein Gefühl, verraten worden zu sein, seinen Sarkasmus, den er wie einen Eispickel einsetzte, um einen Stück für Stück zu zerlegen -, und sie dachte daran, wie sparsam er schon immer mit seiner Zuneigung gewesen war und was das für die Zukunft bedeuten würde. »Ich kann das nicht«, sagte sie. »Ich werde nicht diejenige sein.«
  • Wir machen das zusammen.«
  • Und wie soll er dann irgendwohin kommen? Ich werde ihn nicht fahren, das kann ich dir sagen.«
  • Es gibt Busse. Oder den Senioren-Fahrdienst. Oder was auch immer.

Andere schaffen das auch. Aber wie wär’s, wenn Luke ihn fragen würde?

Luke kann er nichts abschlagen.«

Luke war Jans siebzehnjähriger Sohn, und sobald Jan seinen Namen ausgesprochen hatte, wusste Cindy, dass sie den leichten Weg gehen würden – den Weg der Feiglinge.

Am nächsten Samstagmorgen setzte Jan ihren Sohn bei ihrem Vater ab, damit er sich den Pick-up ausleihen konnte, um den imaginären Kühlschrank zu transportieren, und in dem Augenblick, in dem ihr Vater seinem Enkel die Wagenschlüssel gab, kam sein Leben als Autofahrer, das begonnen hatte, als er zwei Jahre jünger gewesen war als Luke, zu einem abrupten Ende.

 

EIN ERSTKLASSIGER HACK

Ein weiterer Tag, eine weitere quälend langsame Abfolge von Unterrichtsstunden – wie Türen eines Gefängnisses, die eine nach der anderen zugeschlagen werden -, und dann sind sie bei Warren. Seine Eltern sind in der Arbeit, und so haben sie das Haus für sich und können die nötigen Vorbereitungen treffen. Als Erstes machen sie den Punsch: Traubensaft,

Up und etwa drei Fingerbreit von jedem alkoholischen Getränk, das sie im Haus finden können, das alles vermischt in einem Eimer, den sie zu diesem Zweck bei Walmart gekauft haben. Dann die Snacks, aber das ist leicht: einige Beutel Chips, Salzbrezeln, Doritos und so weiter. Cyrilla dreht ein paar Joints, während Warren und er ihre Handys hervorholen und den anderen Bescheid sagen: um neun am Ende von Mar Vista, wo die Straße an dem unbebauten Grundstück und der Klippe am Meer endet.

Er ist als Hacker nicht schlecht – er hat schon immer irgendwelche Websites gehackt, einfach weil es Spaß macht, die Leute ein bisschen zu ärgern -, aber Warren spielt in einer ganz anderen Liga. Wenn irgendeiner einen Fleet Car – oder vielmehr zwei Fleet Cars – klauen kann, dann Warren. Nach dem Essen (er hat seiner Mutter geschrieben, dass er bei Warren isst und auch bei ihm übernachtet) gehen sie zur Cabrillo, wo jede Menge von diesen Dingern unterwegs sind, und stellen sich zwei leeren Wagen in den Weg, die prompt anhalten und warten, dass sie wei-tergehen, doch das tun sie nicht. Warren hat sich auf seinem Laptop bereits in das Netzwerk gehackt und lässt sich die Codes für diese beiden Wagen geben, während die anderen rechts und links an ihnen vorbeifahren und sie hoffen, dass keine Polizei aufkreuzt, denn dann sind sie gelie-fert.

Aber das passiert nicht. Die Türen öffnen sich, und sie steigen ein und sagen den Wagen, dass sie zur Mar Vista fahren sollen, wo Cyrilla und die anderen mit den Snacks und dem Punsch darauf warten, dass die Party beginnt. Wunderbar. Perfekt. Er kann sich nicht erinnern, je einen schöneren Sonnenuntergang gesehen zu haben – der Himmel ist orangerot und violett und schwarz, als wäre die ganze Welt eine VR-Simulation -, und wenn sein Herz schneller schlägt, weil hinter ihm plötzlich ein Streifenwagen auftaucht, der dann allerdings beschleunigt und überholt, so gehört das einfach dazu und ist ganz okay. Alles ist okay. In der Schule wird er ein Held sein und zur Legende werden, denn so was hat noch nie einer versucht – noch niemand ist auch nur auf die Idee gekommen. Und ja, es ist gefährlich, es ist verboten, und seine Mutter würde ihn umbrin-

gen und so weiter, und um cool zu erscheinen und seine Nervosität zu überspielen, hat er zu Warren gesagt: »Und wer ist der Schmalzlocken-typ, der über die Klippe geht – du oder ich?«, und Warren hat gesagt:

»Vergiss es, denn wir sind beide James Dean. Ich werde nicht mal versuchen zu gewinnen. Ich werde einfach rechtzeitig rausspringen, und wenn das feige ist – na und?«

Sobald sie da sind, beginnt die eigentliche Arbeit. Warren und dieser andere Typ – Jeffrey Zuniga, der so was wie ein Genie ist und bei der Ab-schlussfeier die Rede halten wird – fangen an, die Systeme der Wagen weitgehend auszuschalten, damit sie wirklich so schnell wie möglich fah-ren, denn was wäre das für ein Rennen, wenn beide im Schneckentempo auf die Klippe zuschleichen? Gut. Prima. Und jetzt also der Film.

Er und Warren sind betrunken vom Punsch und lachen wie verrückt, sie sitzen in ihren Wagen und lassen die Motoren aufheulen (das ist nicht schwerer als zum Computer »volle Kraft« zu sagen), und Cyrilla schwenkt die weiße Jacke von jemandem, als wäre es eine Fahne. Es ist jetzt ganz dunkel, und die Augen der anderen leuchten im Scheinwerferlicht wie die von wilden Tieren, von Löwen und Hyänen und Schakalen, und dann geht’s los, und er denkt: Wenn Warren glaubt, dass ich als Erster raus-springe, hat er sich geschnitten …

 

DER GEIST IN DER MASCHINE

Es ist keine richtige Verabredung, und wenn Jan davon erfährt, wird sie sich alles Mögliche anhören müssen, aber sie geht mit Keystone zu McDonald’s und spendiert ihm einen Big Mac und Fritten. Es ist ja nicht so, als hätte sie wohnungslose Menschen, Männer wie Frauen, nicht schon öfter in ein Fastfoodlokal eingeladen, damit sie mit einer gewissen Würde in einer Nische sitzen und nach Herzenslust die Toilette benutzen können, ohne dass ihnen der Filialleiter im Nacken sitzt. Aber das hier ist anders. Eigentlich ist es so was wie eine Feier, denn Rose Taylor hat die Klage eingereicht und binnen Stunden einen Anruf vom Leiter des Tier-

heims bekommen, der sie fragte, ob man sich nicht außergerichtlich einigen könne, und vorschlug, den Einsatzbereich des Ks+ auf den Parkplatz zu beschränken und den öffentlichen Bürgersteig auszusparen.

Keystone ist wieder in seiner üblichen Aufmachung; außerdem trägt er eine militärisch wirkende Tarnfleckmütze, die er irgendwo gefunden hat, und ein orangerotes Armband, das Knitsy für ihn geflochten hat. Er ist in guter Form, berauscht von diesem Augenblick und ihrer Gesellschaft (und dem Rum, mit dem er verstohlen ihre beiden Becher Diät-Cola auffüllt), und auch sie fühlt sich sehr gut. Er hat etwas an sich, das ihr den Wunsch eingibt loszulassen – auf eine gute, eine sehr gute Art.

Und der Rum – sie hat seit Jahren nichts Stärkeres als Weißwein getrunken – steigt ihr zu Kopf.

  • „Sie wissen, dass die in dem Tierheim einen Verbrennungsofen haben, oder?«, sagt er und stützt sich auf die Tischplatte. Ihr ist bewusst, dass er ihr ganz nahe ist, dass er ihr gegenübersitzt, keinen halben Meter ent-fernt. »Ihre Anwaltsfreundin kann die vielleicht dazu kriegen, dass sie uns nicht mehr belästigen, aber was ist mit den Tieren? Wissen Sie, wie es riecht, wenn die das Ding anfeuern? Ich meine, können Sie sich das vor-stellen?« Er hält inne, beißt in seinen Big Mac und kaut. »Sie wohnen in einem Haus, oder?«
  • „Mh-hm, ja. Mit Garten. Ich weiß, ich sollte einen dieser Hunde nehmen, das sollte ich wirklich, aber irgendwie kann ich mich nicht auf-raffen.«
  • „Das meine ich nicht – ich will Sie nicht auf einen Schuldtrip schi-Cken. Die Leute, die sich schuldig fühlen sollten, sind diese strunzdum-men Scheißkerle, die im Schaufenster einen süßen kleinen Hund sehen und ihn sechs Wochen später auf der Straße aussetzen … Nein, ich rede von dem Gestank. Draußen in den Vororten riecht man den nicht – da sind die Fenster geschlossen, und die Klimaanlage läuft auf vollen Tou-ren. Hab ich recht?«

Et hat recht. Aber ob er recht oder unrecht hat und ob er ihr Vorwürfe macht oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Entscheidend ist die Intensität seiner Stimme, dieses raue Timbre, und die Art, wie er ihr genau

in die Augen sieht, als würde sie nichts weiter trennen als die Illusion eines Tischs mit Resopalplatte und die umgewälzte, mit dem Geruch nach Hunger und aufgewärmtem Fleisch geschwängerte Luft.

Im Wagen wagt sie den Sprung und fragt ihn, ob er mit zu ihr nach Hause kommen will. »Ich habe eine Dusche«, sagt sie. »Und saubere Handtücher – ich kann Ihnen saubere Handtücher anbieten. Ist das nicht das mindeste, was ich tun kann? Als Ihre Anwältin, meine ich.« Bis auf den gelblichen Widerschein der McDonald’s-Bogen und der feurig glühenden Rücklichter der Wagen vor dem Drive-in-Fenster ist es dunkel. Er sagt nichts, und sie wartet darauf, dass Carly ihren Senf dazugibt, auch wenn sie ihr strikte Anweisung gegeben hat, den Mund zu halten, ganz gleich, was passiert. Schließlich seufzt er und sagt: »Das ist ein verführerisches Angebot, herzlichen Dank, aber ich will kein Haustier sein.«

Sie weiß nicht, ob sie lachen soll oder nicht. Also wirklich – soll das ein Witz sein?

»Aber warum machen wir nicht Folgendes?«, sagt er. »Sie bringen mich zu mir, und dann setzen wir uns auf die Mauer, trinken den Rest von dem Rum und sehen, was passiert. Okay? Ist das ein Plan?«

Während der ganzen Fahrt ist Carly still, oder vielmehr: Sie beschränkt sich auf Meldungen zur Verkehrssituation – »Auf der Mission Street ist die rechte Spur wegen Bauarbeiten gesperrt, darum fahre ich die Live Oak Street bis zur Harrison Street, das dauert nur zwei Minuten und fünfunddreißig Sekunden länger« -, und Cindy merkt, dass sie ebenfalls nicht viel zu sagen hat, denn sie stellt sich vor, was jetzt kommt, und denkt an das letzte Mal, dass sie Sex in der freien Natur hatte. Es muss zwanzig Jahre her sein. Mit Adam. Bei einem Campingurlaub.

Als sie aussteigen, umfängt sie die Nacht, erfüllt von knisternden Geräuschen und dem starken, wabernden, süßen Duft von Jasmin. Sie riecht nichts anderes – nicht den Gestank der Hunde oder des Krematoriums und auch nicht die Hoffnungslosigkeit von Knitsy und den an-deren, nur den in irgendeinem verborgenen Winkel blühenden Jasmin.

Wie schön der Vollmond über den Baumwipfeln steht. Der Rum massiert sie innerlich. Keystone nimmt ihre Hand und führt sie zur Mauer, und alles ist gut … bis einer der Hunde ein Geheul ausstößt und sie aufblicken und den Ks+ sehen, der mit eingeschalteten Lichtern auf sie zurollt. »Ach, Scheiße!«, ruft Keystone, und bevor sie ihn zurückhalten kann, bevor der Roboter sie erreichen und fragen kann, was hier los ist, rennt er auf das Ding zu und stellt sich ihm in den Weg. Er scheint jetzt irgendwas in der Hand zu haben – eine weiße Plastiktüte, die er aus dem Gebüsch gezogen hat -, und im nächsten Augenblick stülpt er sie über das Lidar-Modul des Roboters, so dass dieser nun blind ist. Es bleibt ste-hen, lässt acht, neun, zehn Sekunden lang ein fragendes Piepen verneh-men, und dann heult die Sirene.

So viel zur Romantik. So viel zu Rose Taylor und Menschenrechten.

Der Lärm ist ohrenbetäubend. Sämtliche Hunde im Tierheim heulen, als würden sie bei lebendigem Leib gehäutet, und die Polizei ist zweifellos schon unterwegs. Aber da kommt Keystone, und er grinst, ja, er grinst, als wäre das Ganze höchst komisch. »Wissen Sie was?«, sagt er und muss die Stimme erheben, damit sie ihn hören kann. »Vielleicht will ich doch ein Haustier sein. Wollen Sie ein Haustier? Nur für heute Nacht?« Er wartet nicht auf ihre Antwort, sondern legt den Arm um sie und führt sie zum Wagen. Aber Carly will nichts davon wissen. Carly hat eigene Pläne. Die Tür bleibt verriegelt.

»Mach die Tür auf«, sagt Cindy.

Der Wagen ignoriert sie.

»Mach die Tür auf, Carly – ich warne dich.«

Es vergeht ein langer, vom Pochen ihres Herzens erfüllter Moment.

Der Wagen ist ein dunkles Gebilde aus Metall, Glas und Kunststoff, unbeweglich und gleichgültig wie ein Stein. Sie ist wütend – und frustriert, denn sie war im Begriff loszulassen, wirklich loszulassen, zum ersten Mal seit einer Ewigkeit. Die Hunde heulen. Die Sirene heult. Und Keystone steht neben ihr und riecht nach der Seife, von der ihm jemand einen Fünf-Liter-Kanister geschenkt haben muss. Er hat den Arm um ihre Schultern gelegt und drückt die Hüfte an ihre. Sie will sich entschuldigen – Für was? Einen Wagen? —, aber das ist Blödsinn. »Ich weiß nicht«,sagt sie, verzweifelt jetzt. Sind das Polizeisirenen, die sie aus der Ferne hört?

»Ach, scheiß drauf«, sagt er schließlich und wirft einen Blick über die Schulter: »Dann gehen wir eben zu Fuß. Gehen können wir ja noch, oder?«

 

MUTPROBE

Er trägt keine Lederjacke. Er besitzt nicht mal eine Lederjacke. Er ist bloß ein Junge, der etwas nachspielt. Der Wagen holpert über das unbebaute Grundstück, und vor ihm wartet die Nacht wie ein aufgerissener Rachen. Er sieht immer wieder zu Warren, und der sieht zu ihm, als wäre dies wirklich eine Mutprobe – und er wird nicht derjenige sein, der als Erster aussteigt, oder? Aber das ist nicht das Thema, jetzt nicht mehr, denn er stellt gerade fest, dass die Tür sich nicht öffnet, ganz gleich, wie oft er es befiehlt, und die Bremse – die autonome Bremse, die vollautomatisch und gemäß ihren eigenen Parametern in Aktion tritt – scheint nicht zu funktionieren.

NIGHT MOVES

Ausgerechnet heute Nacht muss sie Schuhe mit hohen Absätzen tragen – aber das hat sie schließlich getan, um Keystone zu beeindrucken, ob sie es sich nun eingesteht oder nicht. Männer finden hohe Absätze sexy. Er findet sie sexy, das hat er ihr gesagt, als sie bei McDonald’s an der Theke gestanden und ihre Bestellung aufgegeben haben. Jetzt allerdings bereut sie es: Sie sind noch keine fünf Blocks weit gelaufen, und schon spürt sie, dass sie an der linken Ferse eine Blase bekommt, und ihre Zehen fühlen sich an, als würde sie jemand mit einer heißen Zange bearbeiten. »Was ist?«, fragt er, eine Stimme aus dem Dunkel. »Sie werden doch nicht schlappmachen, oder?«

„Meine Füße«, sagt sie, bleibt stehen und lehnt sich an ihn, um sie ein bisschen zu entlasten.

  • „Das liegt nicht an Ihren Füßen, sondern an Ihren Schuhen.« Er stützt sie. »Ziehen Sie sie aus. Gehen Sie barfuß. Das tut Ihnen gut.«
  • „Sie haben leicht reden.«
  • „Ich werde auch barfuß gehen – kein Problem. Eigentlich gefällt mir das sogar besser.« Im nächsten Augenblick hat er seine Flipflops in der einen und ihre Schuhe in der anderen Hand, und sie gehen im leicht gelblichen Licht der Straßenlaternen durch eine Gegend, in der möglicherweise Scherben auf dem Bürgersteig liegen.

Bis zu ihrem Haus sind es fast fünf Kilometer, und sie hat sich so daran gewöhnt, von Carly gefahren zu werden, dass sie es schafft, sich zu verlaufen, und ihr Handy hervorholen und sich vom Navi lotsen lassen muss, und das ist peinlich, allerdings nicht so peinlich wie der Anblick von Carly, die mit eingeschaltetem Licht vor dem Haus auf sie wartet.

»Wir sprechen uns morgen«, ruft sie dem Wagen zu, als sie über den Rasen des Vorgartens gehen, »und dann kannst du was erleben!«

Doch dann geschieht etwas, etwas Magisches, und alle Spannung ist im Nu verschwunden. Es hat mit dem Gras zu tun, mit seiner Kühle, seiner Feuchtigkeit, mit der Art, wie es sich an die Zehen, das Fußgewölbe und die schmerzenden Fersen schmiegt. Es ist so elementar: Gras. In diesem Augenblick fühlt sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt, in die Zeit, als es weder Adam noch Jackie gab und ihr unendlich geduldiger, damals noch dunkelhaariger Vater ihr das Zusammenwirken von Gas und Kupplung, den geschmeidigen mechanischen Wechsel von einem Gang zum nächsten beibrachte, diese Dinge, die ihr eine ganz neue Welt er-öffneten. »Schön«, murmelt sie, und Keystone, die undeutliche Gestalt neben ihr, stimmt ihr zu – ja, das ist schön -, auch wenn sie nicht ganz sicher ist, ob er weiß, mit was er da einverstanden ist.

Auf der Straße sind keine Wagen unterwegs. Vor ihnen ist ihr Haus, zwei Etagen mit Räumen voller Möbel und dem neuralen Netzwerk der miteinander verbundenen Apparate: Der Kühlschrank schaltet sich ein, die Klimaanlage, überall blinken Kontrolllämpchen. Gleich wird sie Keystone zur Haustür, durch das Wohnzimmer und nach hinten in ihr Schlafzimmer führen, aber noch nicht, noch nicht. Es ist still. Der Mond steht am Himmel. Und das Gras … das Gras ist genau so, wie sie es in Erinnerung hat.

(S.51-70 aus dem Buch:“I walk between the Raindrops“)

 

 

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